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Gerhard Poelmann in Erkeln 1644 - 1694 Bericht von Klemens Honselmann Es ist immer reizvoll, den Spuren großer Männer nachzugehen, ihr Wollen und Wirken zu erforschen und das, was sich in anderen Zeiten abgespielt hat, heute von neuem mitzuerleben. Gerade dann, wenn es sich um Menschen handelt, die in stürmisch bewegten Zeiten lebten wird man gern zu ihnen zurückschauen. Gerhard
Poelmann darf wohl zu den bedeutenderen Pfarrern im Paderborner Fürstbistum
zur Zeit der Restauration gerechnet werden; glücklicherweise hat er uns
in seinen Kirchenbüchern manche Nachrichten hinterlassen, die es uns ermöglichen,
ein ziemlich gutes Bild von seinem Leben zu zeichnen. Die Vaterstadt Gerhards war Brakel. Hier war er als Sohn der Eheleute Johann Poelmann u. Margarethe Kaisers am 5. August 1621 geboren. Seine Eltern stammten aus Milte im Kr. Warendorf. Zwei Brüder werden gelegentlich erwähnt, einer, dessen Vorname nicht bekannt ist, war Zisterziensermönch, ein anderer war Dr. Johannes Poelmann in Brakel. Seine Studien machte der angehende Theologe in Paderborn. Am 14. Sept. 1643 stellte ihm der Rektor des Jesuitenkollegs P. Martin Herting das Zeugnis über die Vollendung der studia humaniora et philosophica aus. Schon vorher, nämlich am 30. Mai 1643, war er für die Pfarrei Rheder und eine Kaplanei in Brakel präsentiert worden. Am 3. Juni 1643 ließ er sich vom Abt Gabelus Schaffen von Abdinghof die Tonsur geben. Darauf konnte er am 8. Juli 1643 in Rheder investiert werden, mußte allerdings, da er selbst eine kirchliche Funktion noch nich ausüben konnte, seine Amtspflichten durch einen anderen Geistlichen erfüllen lassen. Noch im Jahre 1643, am 18. Dezember, spendete ihm der Münstersche Weihbischof Johann Nicolaus die niederen Weihen, am folgenden Tage auch die Subdiakonsweihe. Am 20. Februar 1644 erhielt er die Diakonatsweihe; schon kurz darauf, am 12 März 1644, erteilte ihm der genannte Weihbischof auf Grund einer päpstlichen Dispens die Priesterweihe. Vom damaligen Generalvikar des Fürstbischofs Hermann Herting bekam er nun am 16. April die Erlaubnis zur Ausübung der Seelsorge. Am 26. April 1644 hielt der Neugeweihte in seiner Vaterstadt Brakel seine Primiz. Es scheint, daß Gerhard Poelmann zunächt in Brakel wohnen blieb und auch Rheder von Brakel aus seelsorglich betreute. Am 24. Dezember 1644 wurde ihm vom Generalvikar und Designierten Weihbischof Bernard Frick in Verbundung mit dem Archdiakon, dem damaligen Domkämmerer Alhard von Imbsen, das Mandat erteilt, die Pfarrstelle Erkeln zu verwalten, da der dortige Pfarrer Schröder seines Alters wegen dazu nicht mehr in der Lage war. Als Schröder 1645 starb, wurde Poelmann am 27. Januar 1646 die Pfarrkirche in Erkeln vom Patron, dem Abt von Corvey, übertragen. Die Investitur erfolgte am 5. Februar 1646. Das Amt eines Pfarrers von Erkeln hat Poelmann 50 Jahre bis zum Ende des Jahres 1694 verwaltet; dagegen hatte er auf die Pfarrei Rheder 1652, auf die Kaplanei in Brakel 1659 Verzicht geleistet. Als Gerhard Poelmann seine priesterliche Tätigkeit begann, sah es grauenhaft aus im Fürstbistum Paderborn. Furchtbare Verwüstungen hatte der 30 jährige Krieg, dessen Schrecken noch nich beendet waren, angerichtet. Unter den Aufzeichnungen des Erkelner Pfarrers findet sich eine kurze Aufzählung der schlimmsten Ereignisse für das Paderborner Land, die trotz ihrer Kürze die schrecklichen Nöte der Zeit erkennen lassen: "Einfall und Verstörung der Stadt Paderborn von den Braunschweigern 1622. Der erbarmliche Niederlag der Paderbonischen Bürger beim Sichenhaus a. 1630. General Gotze die Stadt Paderborn erobert 1635. Der Hessen Einfall in Paderborn uf Maitag 1637. Köningsmark die Stadt belagert 1643." Solche Ereignisse wirkten sich bis in das kleinste Dorf des Landes aus. Feuerbrünste, Plünderungen, Erpressungen und ähnliches waren an der Tagesordnung. Aber auch in den Kirchen hausten die Kriegshorden schrecklich. Wie traurig ist die Klage Poelmanns bei der Visitation 1656: "Als ich 1644 nach Erkeln kam, war der Altar in der Kirche zerstört; an kirchlichen Geräten fand sich nichts vor als ein Meßbuch der Mainzer Erzdiözese, ein am Fuße durchlöcherter Kelch mit einer Patene von geringem Wert und ein altes braunes Meßgewand ohne Stola, Manipel, Albe usw." An einer anderen Stelle berichtet er: "Hab kein Haus, sondern ein Wüstenei funden, bis in anno 1655 die Pfarrkinder ein schlecht Wedemhaus von Buchenholz ufgerichtet." Mehr als die Hälfte der Wohnhäuser im Ort waren 1644 zerstört. Von den Glocken war eine, die schwerste, zersprungen, und von den Bauern zur Bezahlung einer Kriegskontribution verkauft worden. Es hat also damals wirklich schlimm ausgesehen. Aber mit großem Mut ging Pfarrer Poelmann daran, die Schäden auszubessern, neues Leben zu wecken. Wenn eine geordnete Seelsorge wieder möglich werden sollte, mußte er zunächst dafür sorgen, daß die Lebensmöglichkeit für den Pfarrer wieder geschaffen wurde. Nur mit größter Mühe konnte er erreichen, daß das 1640 von durchziehenden Kriegsvölkern in Brand gesteckte Pfarrhaus wieder aufgerichtet wurde; aber nachdem der Rohbau fertig war, "konnte ich weder mit guten, noch mit bösen Worten, weder durch Mahnungen noch Drohungen die Pfarrkinder dazu bewegen, es zu vollenden." Das neugebaute Haus war weinige Jahre später "ganz ruinos". 1669 ließ er zum Teil auf eigene Kosten ein neues Pfarrhaus errichten. Mit den Einkünften des Pfarrers war es nicht besser bestellt. Die Haupteinkünfte kamen aus zwei zehntfreien Meiergütern, die zur Pfarstelle gehörten. 1656 klagt Poelmann, daß das Haus des einen Meiers durch Feuer zerstört sei; die Ländereien seien durch Überschwemmungen verwüstet, von Unkraut und Dornen überwuchert, einige Stücke verpfändet und in fremdem Besitz. Der alte Pfarrer Schröder war derart geistesschwach, daß Poelmann von ihm über die Einkünfte der Pfarrei nichts erfahren konnte. Erst im Laufe vieler Jahre konnte er den alten Besitzstand wieder sichern. Seine Hauptsorge mußte der neue Pfarrer darauf richten, daß die Kirche und die kirchlichen Geräte wieder in Ordnung gebracht wurden. 1653 schaffte er Bänke für die Kirche an. An die Stelle des gestörten Altares ließ er einen neuen setzen, dessen Altarbild er aus eigenen Mitteln bezahlte. Bei der Visitation des Bischofs Theodor Adlolph von der Reck 1656 wurde der neue Altar konsekriert. 1669 wurde ein Tabernakel für den Altar angeschafft. Kanzel und Taufstein wurden 1659 erneuert; ebenfalls wurde ein Beichtstuhl angeschafft. Zu derselben Zeit wurde auch der Turm repariert; überhaupt mußte öfter am äußern Kirchengebäude geflickt werden; wiederholt wird über die Baufälligkeit einzelner Teile gesprochen. Was Gerhard Poelmann an Altargeräten und Gewändern neu beschafft hat, wird in einer langen Liste von 1687 aufgezählt. Darunter ist 1 Monstranz, 1 Ziborium, 1 Kelch, 1 Weihrauchfaß, je 1 weiße, rote, schwarze und grüne Kasel mit Zubehör, 4 Fahnen, 2 Hungertücher fur die Fastenzeit, 2 große Glocken, 1 Baldachin und 1 Missale. Diese Erwerbungen waren ihm nur dadurch möglich, daß er die Opferfreudigkeit seiner Pfarrkinder zu wekken wußte; vielfach sein die Namen der Stifter genannt. Für einige Sachen sammelte er im Dorf; so mußten Frauen das Geld für zwei Kleider für unsere liebe Frau zusammenbringen. Von der Arbeit Poelmanns in der Seelsorge erfahren wir wenig in unseren Quellen. 1656 waren ca. 300 Einwhner in Erkeln und dem filialort Beller, Die Zahl der Kommunikanten betrug 1673 330-340 Personen. 1687 ist sie auf 375 gestiegen. Für 1663 liegt eine Liste derer vor, die Osterkommunion gefeiert haben. Die herkömmlichen Prozessionen wurden stets abgehalten. Von großem Eifer für die Seelsorge zeugen die Kirchenbücher Poelmanns. Sie sind mit besonderer Sorgfalt geführt, wenn man auch nicht alle heute üblichen Angaben in ihnen findet; das älteste Buch, das die Taufen, Trauungen und Sterbefälle enthält, ist von ihm später in einen größeren und dickeren Band übertragen worden. Für die ersten Jahre seiner Wirksamkeit, in denen Poelmann zugleich Pfarrer in Rheder und Kaplan in Brakel war, enthalten die Erkelner Kirchenbücher auch einige Taufeintragungen für Rheder und Brakel. Die von ihm in diesen Orten vorgenommenen Taufen hat Pfarrer Poelmann dann aus den Taufbüchern noch eigens ausgezogen und in zwei nach Vornamen des Vaters alphabetisch geordneten Listen verzeichnet (für Rheder 30, für Brakel 157 Taufen.) Noch größere Beachtung verdienen Poelmanns Listen aller Katholiken in den Orten Erkeln und Beller. Diese Listen geben die Namen des Ehemannes, seiner Frau und seiner kinder an. Wir haben eine solche von 1663 mit Angabe des Alters der einzelnen, eine zweite von 1670 mit Angabe des Alters und bei den von Poelmann selbst getauften Personen des Tauftages. In einer dritten gleichartigen Liste von 1676 finden sich auch viele Trauungs- und Sterbedaten. Eine weitere Liste enhält die Namen aller, die von Gerhard Poelmann getauft, getraut oder begraben worden sind von 1644-1678. Endlich bringt eine weitere Liste die Fortführung der vorigen, sie beginnt 1679 und reicht bis in die 90er Jahre. Neben diesen Listen finden sich noch einige andere, z.B. ein Verzeichnis derer, die bei der Ankunft Poelmanns in Erkeln 1644 lebten un 1684 (bezw. ein einer anderenListe 1692) noch lebten, ferner die Namen derer, die von auswärts nach Erkeln zugezogen sind und 1684 noch lebten. Ein Kopfschatzverzeichnis zur Türkensteuer 1684 enthält getrennt die Namen der Eheleute und Witwen, die Namen der Kinder über 12 Jahre, die Kinder unter 12 Jahren, die Namen der Knechte und Mägde und endlich die Summe der Schatzung. Alle diese Verzeichnisse, die ein gutes Licht werfen auf den seelsorglichen Eifer unseres Pfarrers, sind heute dem Familienforscher sehr willkommen. Von der Schule ist im Bericht von 1656 die Rede. Nur wenige Kinder besuchen sie, es sind bei 69 Kindern im Alter von 6-12 Jahren noch keine 20, die zur Schule gehen. Pfarrer Poelmann bedauert das sehr, er wird in den nächsten Jahren sich mit Eifer für den Besuch der Schule eingesetzt haben; den in den spätern Berichten wiederholen sich die Klagen über den schlechten Schulbesuch nicht. In einem Lebensbilde Poelmanns darf nich unerwähnt bleiben, daß er uns im Taufbuche eine wertvolle Chronik hinterlassen hat. Sie beginnt mit dem Jahre 1646, enthält aber zunächst nur einige auf Erkeln und Brakel bezügliche Nachrichten, insbesondere Feuerbrünste, Überschwemmungen und andere Unglücksfälle. In den späteren Jahrzehnten werden die Ortschaften der Umgebung, schließlich das ganze Paderborner Land in de Chronik einbezogen. 1685 wird der Empfang des Fürstbischofs in Brakel ausführlich beschrieben.1688 wird sogar der Brand von Dingelstädt ausgeführt. Die Chronik reicht bis 1694, Sie ist von Poelmanns Nachfolger, Pfarrer Schmitz, zunächst fortgeführt worden, aber in viel dürftiger Form. 1694 konnte Gerhard Poelmann in voller Gesundheid, wie es scheint, sein 50 jähriges Priesterjubiläum begehen. Er feierte es in seiner Vaterstadt Brakel. Nach der Jubiläumsmesse, die unter großer Beteiligung von Klerus und Volk der Stadt Brakel stattfand, hielt Poelmann eine Danksagung an die Erschienenen, die uns im Kirchenbuch aufgezeichnet ist. Er sagt darin, daß er nicht, wie bei der Primiz 1644 ein Convivium (Gastmahl) halten will. "solchs zu dieser armen hochbeschwerten Zeit sich nich schicken wil, da Hunger und Kummersnott so groß und überhandt genommen alß ich nie erlebet, zwar sind vil theuerung und hungersnot von meiner Kindheit biß hierhin gewesen, so ich wol kan beweisen .... Dahero ich aller weltlicher Pomp und Pracht, gastereien, essen und trinken wil eingestellet haben und nur gröst- und weltliche armen auch hungerleidende dieser Stat wil eingeladen haben morgen den 11. May, an welchem mein l. Mutter s. in dem hernn entschlafen, und ich dafür anniversarium sacrum funebre halten wil, alß dann wil eine geringe Almosen ihnen mitteilen, so sie wollen Vorlieb nehmen und mehr ansehen den guten Willen, alß die That." Das
ist das Letzte , was wir von Gerhard Poelmann in den Erkelner Kirchenbüchern
lesen. Er scheint bis zum Ende des Jahres die Pfarrstelle in Erkeln behalten
zu haben; in Januar 1695 erscheint sein Nachfolger im Kirchenbuch. Der
Tod Poelmanns ist im Erkelner Kirchenbuch nicht vermerkt. Der alte Pfarrer
hat sich wohl, nachdem er in schwersten Tagen 50 Jahre treu seine Pflicht
getan, zur Ruhe gesetzt; vermutlich hat er in Brakel seinen Lebensabend
verbracht.
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