Karl Kraus

- letzter Lehrer in Erkeln -

Er wurde am 1. Mai 1921 in Wenussen, einem kleinen Dorf bei Pilsen, im damals deutschsprachigen Sudetengau, heute Tschechien geboren. Sein Vater war Eisenbahner. Karl Kraus besuchte dort bis zum Januar 1941 die Lehrerbildungsanstalt in der Kreisstadt Mies und wurde, noch bevor er sein Studium beendet hatte, zum Wehrdienst einberufen. Vom 22. April 1945 bis zum 20. Mai 1946 arbeitete er in tschechischer Kriegsgefangenschaft auf einem Bauernhof und durfte dort per Postkarten Kontakt zu seinen nach Pommersfelden bei Bamberg ausgewiesenen Eltern aufnehmen. Er tauschte mit ihnen in Mikro-Schrift unter den Briefmarken Nachrichten über Fluchtabsichten aus und flüchtete schließlich mit einem Mitgefangenen in nächtlichen Märschen Richtung Süddeutschland. Das Bedürfnis nach Sinn und Ordnung hatte ihn dazu geführt, in Hitlers Armee bis kurz vor Moskau und im Westen bis in die Normandie mitzumachen - als er nun diese "Ordnung" als mörderisch erkannte, zerbrach zunächst seine bisherige Orientierung, es kam der Wunsch nach einem neuen oder anderen Leben (zum Beispiel in Paraguay) auf. Ein einschneidendes spirituelles Erlebnis während seiner abenteuerlichen, aber schließlich geglückten Flucht veranlasste ihn zu einer neuen Orientierung am Christentum und so fand er im katholischen Glauben für sein ganzes Leben einen neuen Halt. Im Juni 1946, wenige Tage nach der Währungsreform heiratete er Ilse Gottfried, eine Bekanntschaft aus der Jugendzeit im ehemaligen Sudetengau; die 40 DM "Kopfgeld" der Währungsreform gingen zum großen Teil für die Bahnfahrt von seinen Eltern bei Bamberg nach Marktheidenfeld bei Würzburg drauf, wo gefeiert wurde.

Karl Kraus

Karl Kraus schlug sich in den Monaten vor seiner Anstellung als Lehrer mit Hilfsjobs wie Rasierklingenschleifen durch. "Im Namen der Regierung des Landes Nordrhein-Westfalen" wurde er am 24. Juni 1950 zum außerplanmäßigen Lehrer ernannt und bekam im August des gleichen Jahres seine erste Anstellung an der katholischen Volksschule in Walsum (heute Duisburg), Schule Wehoven.

Ab dem Jahresendes machte er einen Ergänzungslehrgang für die ehemaligen Lehrerbildungsanstalt-Absolventen an der Pädagogischen Akademie in Essen-Kettwig (heute das Theodor-Heuss-Gymnasium ebendort). Im Februar 1951 wurde Karl Kraus der kirchliche Lehrauftrag - die Missio Canonica - erteilt. Im März 1954 folgte die Lehramtsprüfung II und damit die Anstellung auf Lebenszeit als Lehrer im Volksschuldienst. Diese Anstellung war in Walsum, Schule Overbruch. Inzwischen hatte die Familie vier Kinder: Gisela, Michael, Johannes und Beate. Wegen der notwendigen Wohnungsvergrößerung ließ Karl Kraus sich 1957 an die katholische Volksschule Westhofen bei Hückeswagen im Bergischen Land versetzen. Den Eheleuten lag wohl auch mehr das Leben auf dem Lande als im damals noch zu Recht so genannten "Kohlenpott" (Wiederaufbau, beginnendes "Wirtschaftswunder"). 1958 kam Bernadette als fünftes Kind zur Welt.
Bei der Schule im Bergischen Land handelte es sich um eine einklassige Volksschule: acht Klassen mit insgesamt 20 bis 30 Schülern in einem oder zwei Räumen. Wie unterrichtet man da? "Binnendifferenzierung" hieß das Zauberwort: Der Unterricht begann zum Beispiel für alle mit einem Volkslied, danach malten "die Kleinen", also vielleicht Klasse 1 bis 3, zu diesem Lied ein Bild, "die Größeren" bekamen ein Diktat und "die Großen", zum Beispiel Klasse 7 und 8, mussten zum Inhalt des Liedes einen Aufsatz schreiben oder (z.B. bei "Alle Vögel sind schon da") lernten etwas in Biologie über die einheimische Vogelwelt. - Oder: Schüler der 7. Klasse brachten Schülern der 3. Klasse mit Hilfe von Fragekärtchen die 7er-Reihe bei. Karl Kraus machte einen an der Region, an Natur und Religion orientierten Unterricht, er war ein begnadeter Vorleser von Märchen, dessen Stimme einen magisch in den Sog der Erzählung zog. Sein Unterricht war durchsetzt von Musik, die Schüler gingen hinaus in den nahen Wald und in den Schulgarten. Kleine Schulfeste wurden mit Blockflötenkonzerten und mehrstimmigen Liedern gestaltet. Ein bezeichnendes Detail dieser Zeit ist sein Interesse an Esperanto, einer Kunstsprache, die in den frühen 60er Jahren bei manchen Menschen, die auch privat etwas für Völkerverständigung und den damals so genannten "europäischen Gedanken" tun wollten, auf Interesse stieß Dazu passt auch seine Fahrt auf einem Moped ("NSU Quickly") zur Weltausstellung nach Brüssel. Die pädagogischen Ideale von Karl Kraus kamen aus der Reformpädagogik (er nannte einmal Peter Petersen als ein Vorbild) oder aus der katholischen Kirche (ein Ausspruch von Don Bosco hat ihn beeindruckt: "Meine Pädagogik ist die Tochter der Liebe. Willst du, dass man dir gehorcht, so mache, dass du geliebt wirst").

Dass so ein "multifunktionaler" Unterricht bei aller "patriarchalischen Freiheit" auch an den Nerven zerren kann, bekam Karl Kraus durchaus auch zu spüren. Zu seinem Bedauern wurden aber ab Mitte der 60er Jahre im Zuge der beginnenden Bildungsreform die einklassigen Volksschulen aufgelöst und er musste eine andere Schule suchen, die seinem Status eines Schulleiters entsprach.
Da las er in einer Zeitung das folgende Inserat: " 1. Lehrerstelle in der Gemeinde Erkeln, kath. Volksschule, Musterdorf, ausgezeichnet durch die agrarsoziale Gesellschaft, im Auftrage des Kultusministeriums Düsseldorf, freie Dienstwohnung vorhanden". - So zog die Familie nach Erkeln, heute Ortsteil von Brakel, Kreis Höxter, mit inzwischen sieben Kindern: Elisabeth und Felicitas waren inszwischen dazugekommen. Herr Ortsstellenleiter Backhaus nahm sie herzlich auf. 1966, bald nach dem Einzug in Erkeln, kam Angela zur Welt. Karl Kraus engagierte sich schon bald als Leiter der Erkelner Blasmusik - mit dem hervorragenden 1. Trompeter Bänsch und unter vielen anderen auch mit seinen beiden Söhnen Michael (Horn) und Johannes (2. Trompete). Wichtig als Organisatoren waren in dieser Zeit Herr Potthast (Posaune) und Herr Merswolke (Tenorhorn). Die Erkelner Blasmusik begleitete die Fronleichnamsprozession und alle wichtigen Ereignisse des Dorfes wie das Schützenfest und das kirchliche Patronatsfest (seine Frau spielte die Orgel in der Pfarrkirche "Sankt Petrus in Ketten"). Karl Kraus war in der Dorfkirche zeitweise als Küster, Lektor und Chorleiter tätig. Er war Zeit seines Lebens stark interessiert an frühhistorischen Funden, von denen es in Erkeln auch einige erstaunliche Exemplare gab, die Bauern bei der Feldarbeit vor allem um den Osterberg gefunden hatten. Diese Funde - Faustkeile, Ritzspuren auf Knochen, Reste von Werkzeugen oder Waffen - waren schon vor Kraus' Zeit in der Erkelner Schule gesammelt worden, er hielt diese Funde mit Sorgfalt zusammen.
ein Zeugnis von Karl Kraus
Ab 1967 wurden die Schulkinder vom 5. bis 9. Schuljahr in einer neu gebauten Hauptschule des Schulverbandes in Brakel unterrichtet (siehe die Ortschronik). Das Volksschulwesen wurde allgemein reformiert: Fast alle Bekenntnisschulen wurden in allgemeine staatliche Schulen umgewandelt, aus Volksschulen wurden Grundschulen (Klasse 1 bis 4) und Hauptschulen (Klasse 5 bis 10) bzw. Realschulen und Gymnasien.
1970 kam Viktoria, das neunte Kind, zur Welt.
Im selben Jahr wurde die Erkelner Schule ganz aufgelöst und Karl Kraus bekam als Rektor die Grundschule in Kollerbeck bei Marienmünster zugewiesen. Die Familie, deren drei älteste Kinder mittlerweile studierten, hatte mitunter auch Kinder in Pflege aufgenommen und so war die doppelte Lehrerwohnung dort gerade recht. Während der Zeit in Kollerbeck hatte ihm Bürgermeister Backhaus ein Grundstück in Erkeln angeboten, wo die Eheleute Kraus jetzt ein Haus bauten und einzogen. Karl Kraus nahm eine Stelle als Konrektor in Dalhausen an. Dort wirkte er mit viel Elan in kollegialer Zusammenarbeit, besonders in seinem Lieblingsfach Musik.

1984 wurde er auf seinen Antrag hin in den Ruhestand versetzt, insgesamt waren es 34 Dienstjahre. Nach seiner Pensionierung widmete er sich - wie auch schon vorher - dem Lesen von schöner Literatur, engagierte sich in der Bücherei des Krankenhauses in Brakel, verrichtete weiter Gartenarbeit und musizierte auch noch eine Zeit lang in einem Streichquartet und wie seit Jahrzehnten schon mit seiner Frau Ilse - Geige und Klavier.

Karl Kraus war Zeit seines Lebens bemüht um Harmonie, andererseits erzürnte ihn, wenn diese Harmonie auf Grund widerstreitender Interessen nicht zustande kam. Bis in seine letzten Lebenswochen hinein verfolgten ihn immer wieder einmal peinigende Erinnerungen an den Krieg. - Was vielleicht in den 80er Jahren als hinterwäldlerisches Schulmeistertum belächelt worden war, kann heute als ein pädagogisches Ideal gelten, dessen Verwirklichung es nur selten gibt: Leben und Lernen in Einklang miteinander bringen. - Karl Kraus verließ diese Welt sozusagen langsam; nach einem "kleinen" Herzinfarkt bekam er einen Herzschrittmacher implantiert, seine stets akkurate Handschrift wurde unleserlich, seine Orientierung verließ ihn schließlich ganz: sein Geist zerfiel auf Grund der Alzheimerschen Krankheit. Die Feier seines 50jährigen Hochzeitsjubiläums erlebte er noch, am 22. Juli 1998 verstarb er im Alter von 77 Jahren in seinem Hause. Auf seinem Grab auf dem Friedhof in Erkeln sind zwei Strophen aus einem Gedicht des von ihm geschätzten Werner Bergengruen zu lesen; hier die letzte Strophe:
            Lass mich, Engel, nicht allein.
            Führ aus Leib- und Sterbehemde
            In das ungeheuer Fremde
            In den Ursprung mich hinein!
            Engel, lass mich nicht allein.